Italiano
 

Etappe 2

Die alte Anlage (1903)

 
 
 

Die Stadt Bellinzona war (nach Faido) die zweite Tessiner Gemeinde, welche die elektrische Energie zur öffentlichen Beleuchtung benutzte. Die feierliche Eröffnung fand 1891 statt. Der Strom wurde von einer im Gorduno-Tal gebauten Anlage erzeugt, aber diese stellte sich angesichts der wachsenden Nachfrage von Privaten und Unternehmen sehr schnell als ungenügend heraus. Nachdem die Stadt mehrere Projekte geprüft hatte, beschloss sie, das Wasser des Morobbia-Flusses zu nutzen. Am 18. November 1900 gewährte der Gemeinderat einen Kredit von 940'000 Franken für den Bau einer neuen Wasserkraftanlage, die am 1. Januar 1903 in Betrieb gesetzt wurde.

Um die Elektrizitätsproduktion und -versorgung zu verwalten, war am 3. August 1902 das Elektrizitätswerk der Gemeinde Bellinzona («Azienda Elettrica Comunale») gegründet worden. 1991 entstand aus der Fusion mit dem Trinkwasserwerk («Azienda acqua potabile») die heutige AMB (Azienda Multiservizi Bellinzona), die sich um Elektrizitäts-, Energie- Wasser- und Telekommunikation-Versorgung kümmert.

 

Eine der zahlreichen Varianten des Projekts für die Anlegung der Wasserfassung der Morobbia (ca. 1900)

Auf diesem Foto der Baustelle der Staumauer (1968) erkennt man noch die Einrichtungen der alten Wasserfassung, die heute überschwemmt sind: den Sammelbecken (1), wo das umgeleitete Flusswasser mündete, und weiter talwärts den Eingang des Zufuhrstollens (2) mit dem überlaufenden Abflusskanal und der Ablassschleuse. Ausserdem kann man noch die Moneda-Brücke (3) sehen, sowie den Weg (4), der von Carmena zu den Monti di Moneda und zur Costa dell’Albera führte.

 

Der Ingenieur Fulgenzio Bonzanigo (1842-1911) plante und konzipierte die erste Morobbia-Anlage. Dieser willensstarke und intelligente Mann, der wegen seinem Haar und seiner Energie «rote Ameise» («formiga rossa») genannt wurde, schrieb selbst sein eigenes Epitaph, das wie folgt lautet: hier liegen die Knochen des grossen Formiga Rossa: er war ein ziemlich böser Mann, und es ist vergeudete Zeit, für ihn zu beten.

 

Die alte Anlage auf der topographischen Karte aus 1962

Das für die Produktion von elektrischer Energie benötigte Wasser wurde vom Fluss Morobbia über eine Ableitung oberhalb von der Moneda-Brücke (1) gefasst, sowie auch vom Bergbach Valmaggina (2), einem linken Nebenfluss der Morobbia. Das Wasser floss mit freier Oberfläche in einem im Gestein gegrabenen Stollen (grün markiert), bis zur Speicherkammer bei Piano dei Cavalli (5). Von dort aus führte es eine Druckrohrleitung (6) den Turbinen des Kraftwerks (7) zu. Die Wasserleitung konnte dank zwei Kanalbrücken die Valmaggina (3) und das Tal Valle di Verona (4) überqueren. Später, das heisst 1919 bzw. 1935, wurden ein grösserer Sammelbecken (8) und eine zweite Druckrohrleitung (9) gebaut.

bg.gif
 

Die neue Anlage (1972)

 
 
 

Ende der 1950er Jahre musste das Elektrizitätswerk von Bellinzona («Azienda Elettrica Comunale») 40% der elektrischen Energie, die sie ihrer Kundschaft lieferte, auf dem Strommarkt kaufen.  Die alten Einrichtungen, die besorgniserregende Abnutzungserscheinungen aufwiesen, genügten nicht mehr, um die wachsenden Bedürfnisse der Region abzudecken.

Aus den verschiedenen Möglichkeiten wählten die Gemeindebehörde das Projekt zur Erneuerung und zum Ausbau der bereits bestehenden Anlage und wiesen damit Mut und Weitsicht auf. 1967 stimmte der Gemeinderat dem Projekt «Morobbia maggiorata» (ausgebaute Morrobia) zu und gewährte den nötigen Kredit von 15'000'000 Franken. Nach vier Baujahren wurde die neue Anlage am 22. März 1972 eröffnet.

 
 

Die ersten Aufschüttungen der neuen Staumauer. Für deren Bau wurden 8'600 Kubikmeter Beton benötigt.

 

Die doppelt gekrümmte Bogenstaumauer ist 39 Meter hoch. Die Wanddicke variiert zwischen 5,10 und 1,70 Meter zwischen dem Fundament und der Krone, die 99 Meter misst. Der Staubecken fasst bis 300'000 Kubikmeter.Die jährliche Produktionskapazität der Anlage kann 50'000'000 KWh übersteigen.

 
02.jpg

Zusätzlich zum Bau der Staumauer von Carmena (1) zog die Realisierung des Projekts «Morobbia maggiorata» die Erneuerung fast aller Bestandteile der Anlage mit sich:  die alte Wasserfassung der Valmaggina wurde durch eine neue ersetzt (2). Ein 2'920 langer Stollen wurde von der Staumauer bis zum Val Verona gegraben (3), während weiter talwärts der 1951 getriebene Stollen wieder-verwendet wurde (4). In der Nähe des alten Sammelbeckens wurden ein piezometrischer Schacht (5) und eine, mit dem neuen Druckrohr (7) verbundene unterirdische Kammer mit Drosselklappe (6) angelegt. Das Kraftwerk von Giubiasco (8) wurde gänzlich erneuert.

 
  1. Maximaler Beckeninhalt

  2. Alter Zufuhrstollen

  3. Grundablass-Stollen, mit welchem der Sammelbecken entleert wird

  4. Druckstollen

  5. Wasserfassung, mit welcher das Wasser des Sammelbeckens entnommen und in den Druckstollen eingelassen wird

  6. Vormauer. Eine Art Beton-Rutschbahn, die das Wasser dem Grundablass-Stollen zuführt

  7. Staumauer

  8. Tosbecken. Auffangbecken zur Beruhigung des abfliessenden, überlaufenden Wassers

  9. Pendellot. Ein mit einem senkrechten Draht verbundenes Pendel zur Messung der Verformungen der Mauer, die unter dem Wasserdruck auftreten; je nach Beckenfüllung und Temperatur kann sich die Staumauer nämlich um einige Millimeter verschieben und der Krümmungsradius sich somit leicht verändern.

 
 
 

1 2 3 4 5 6 7 8 9